„So lange wie möglich zu Hause bleiben“
Ehrenamtlicher Wohnraumberater Albert Piotrowiak berät neutral und unabhängig.
Im Landkreis Neustadt a.d.Aisch-Bad Windsheim engagiert sich Albert Piotrowiak aus Gerhardshofen seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Wohnraumberatung. Im Interview spricht er über konkrete Hilfen für Betroffene und die wachsende Bedeutung barrierefreien Wohnens. Er und die anderen ehrenamtlichen Wohnraumberater können persönlich kontaktiert werden. Das Interview führte Josefine Mühlroth vom Zentrum für Pflegeberufe NEA.
Was genau versteht man unter „ehrenamtlicher Wohnraumberatung“ und für wen ist dieses Angebot gedacht?
Albert Piotrowiak (AP): Es geht um die Beratung von Menschen mit Einschränkungen, älteren Bürgerinnen und Bürgern sowie deren Angehörigen. Ziel ist es, das Wohnumfeld so anzupassen, dass Betroffene möglichst lange in ihrem vertrauten Zuhause bleiben können. Ein Heimaufenthalt kann dadurch oft hinausgezögert werden.
Welche typischen Anliegen bringen Menschen mit, die Ihre Beratung in Anspruch nehmen?
AP: Häufig handelt es sich um Personen, die von heute auf morgen – etwa durch Unfall, Krankheit oder altersbedingte Einschränkungen – in ihrer Wohnung nicht mehr zurechtkommen. Gleichzeitig möchten sie ihr gewohntes Umfeld aber nicht verlassen.
Welche Rolle spielt Barrierefreiheit in Ihrer Arbeit, insbesondere im Hinblick auf eine älter werdende Gesellschaft?
AP: Barrierefreiheit ist ein großer Gewinn für alle. Im öffentlichen Raum profitieren beispielsweise Eltern mit Kinderwagen, Rollstuhlfahrer oder sehbeeinträchtigte Menschen gleichermaßen. Auch in meinem früheren Beruf war Barrierefreiheit wichtig, um Mitarbeitenden nach Krankheit oder Unfall den Arbeitsplatz zu erhalten – eine klassische Win-win-Situation. Und selbst jüngere Menschen schätzen barrierearme Lösungen, oft ohne es bewusst wahrzunehmen.
Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Beratungspraxis nennen, das besonders eindrücklich ist?
AP: Ein Fall betraf eine Person, die nach einer Operation auf einen Rollstuhl angewiesen war. Beim relativ neuen Haus gab es jedoch eine fünfstufige Treppe am Eingang.
Nach einer Begehung schlug ich vor, von der Terrasse aus eine Rampe zum Eingangsbereich anzulegen. Mit etwas Eigenleistung konnte das kostengünstig umgesetzt werden – eine Lösung, die für alle Beteiligten gut funktioniert.
In vielen Fällen bedanken sich auch Angehörige, weil die Pflege durch solche Anpassungen deutlich erleichtert wird. Mein Wahlspruch lautet: „Was nützt die beste Pflege, wenn die pflegende Person selbst zum Pflegefall wird?“
Viele Menschen scheuen Umbauten aus Kostengründen – welche Möglichkeiten gibt es?
AP: Ich verweise grundsätzlich an zuständige Stellen wie Landratsamt, Pflegekassen, Diakonie oder Berufsgenossenschaften, die Zuschüsse gewähren können. Meine Aufgabe ist es, technisch sinnvolle und machbare Lösungen vorzuschlagen.
Wie läuft eine Beratung konkret ab?
AP: Der Erstkontakt erfolgt meist über das Landratsamt oder die Diakonie, die meine Kontaktdaten weitergeben. Nach einem Telefonat vereinbare ich einen Besichtigungstermin. Dabei sollte idealerweise auch eine pflegende Person anwesend sein. Vor Ort erstelle ich ein Beratungsprotokoll, das anschließend als Grundlage für Förderanträge dient.
Arbeiten Sie mit anderen Stellen oder Institutionen zusammen?
AP: Ja, vor allem mit verschiedenen Pflegeberatungsstellen. Bei Handwerksbetrieben gebe ich bewusst keine konkreten Empfehlungen, sondern verweise auf die jeweiligen Innungen.
Welche Herausforderungen sehen Sie für die Zukunft der Wohnraumberatung im ländlichen Raum?
AP: Der Bedarf wird weiter steigen. Gründe dafür sind vor allem die zunehmenden Pflegekosten, der Mangel an pflegenden Angehörigen und der demografische Wandel.
Immer mehr Menschen leben allein und möchten ihr soziales Umfeld im Alter nicht aufgeben – sie werden verstärkt auf Wohnraumberatung angewiesen sein.
Das Gespräch zeigt: Mit fachkundiger Beratung und oft vergleichsweise einfachen Maßnahmen lässt sich die Lebensqualität vieler Menschen nachhaltig verbessern – gerade im vertrauten Zuhause.
Nach einer Lehre zum Bauzeichner hat Albert Piotrowiak über den zweiten Bildungsweg Hochbau und Arbeitssicherheit studiert. Die letzten 35 Jahre seines Berufslebens hat er bei einer großen Versicherung die Bauabteilung mit den Bereichen Facility Management, Security und Arbeitssicherheit geleitet. Zur Wohnraumberatung ist Piotrowiak 2015 durch einen Aufruf im Landkreis-Journal gekommen. Neben der Wohnraumberatung engagiert er sich als Behindertenbeauftragter in zwei Gemeinden sowie im Sport und in der Kirche. „Ich bin überzeugt, dass weder Staat noch private Träger das leisten könnten, was Ehrenamtliche insgesamt bewirken,“ unterstreicht Albert Piotrowiak.
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