Wer auf sich selbst achtet, bleibt länger gesund. Tipps für pflegende Angehörige
Dr. Sandra Städtler und Niklas Blaha vom Gesundheitsamt Neustadt a.d.Aisch klären auf. Im Interview mit NeaWiS geben die Experten wertvolle Tipps zu Infektionsschutz, Selbstfürsorge und Unterstützungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige.
NeaWiS: Pflegende Angehörige leisten täglich viel. Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie mit Blick auf den Schutz vor Infektionen?
Frau Städtler/ Herr Blaha: Pflegende Angehörige stehen beim Schutz vor Infektionen vor besonderen Herausforderungen. Sie versorgen ihre Angehörigen häufig zu Hause und verfügen nur selten über eine pflegerische Ausbildung. Deshalb ist es wichtig, grundlegende Hygieneregeln zu kennen und einzuhalten. Dazu gehören regelmäßiges Händewaschen, der richtige Umgang mit Schutzhandschuhen und Desinfektionsmitteln sowie die Reinigung von Pflegehilfsmitteln.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, Infektionen bei sich selbst oder bei der pflegebedürftigen Person frühzeitig zu erkennen und eine Ausbreitung zu verhindern. Gleichzeitig müssen pflegende Angehörige auch ihre eigene Gesundheit schützen und stärken. Sind sie selbst erkrankt, können sie die Pflege häufig nicht mehr wie gewohnt übernehmen.
Deshalb sind gute Beratung, Schulungen und passende Unterstützungsangebote besonders wichtig. Sie helfen pflegenden Angehörigen, Hygienemaßnahmen sicher umzusetzen und die Pflege langfristig und gesund zu bewältigen.
NeaWiS: Warum können Dauerbelastung und Stress pflegende Angehörige möglicherweise anfälliger für Infektionen machen?
Frau Städtler/ Herr Blaha: Dauerbelastung und Stress haben unter anderem Auswirkungen auf die Hormonphysiologie des Körpers. Vielen Menschen ist das Stresshormon Cortisol bekannt, das bei körperlicher und psychischer Anspannung vermehrt ausgeschüttet wird. Cortisol erfüllt viele wichtige Funktionen im Körper. So wird beispielsweise in Stresssituationen die notwendige Energie bereitgestellt.
Gleichzeitig kann Cortisol jedoch auch zu einer Dämpfung des Immunsystems beitragen und dadurch die Infektanfälligkeit erhöhen.
NeaWiS: Welche einfachen und wirksamen Maßnahmen empfehlen Sie, um sich im Pflegealltag vor Infektionen zu schützen?
Frau Städtler/ Herr Blaha: Die einfachste und effektivste Maßnahme ist regelmäßiges Händewaschen. Unsere Hände sind ein wichtiger Übertragungsweg für viele Infektionen. Wir berühren täglich zahlreiche Gegenstände und fassen uns anschließend ins Gesicht. Auf diese Weise können wir mit vielen Erregern wie Viren, Bakterien oder Pilzen in Kontakt kommen.
Regelmäßiges Händewaschen mit Wasser und Seife reduziert die Keimzahl auf der Haut deutlich. Wenn keine sichtbare Verschmutzung der Hände vorliegt, ist eine hygienische Händedesinfektion für die Hautbarriere verträglicher als häufiges Händewaschen, da wichtige Hautfette erhalten bleiben. Die Hände sollten beispielsweise morgens, nach dem Toilettengang und bei sichtbarer Verschmutzung gewaschen werden. Ansonsten kann insbesondere vor und nach einem Pflegekontakt ein Händedesinfektionsmittel verwendet werden.
Eine gleichzeitige Kombination von Händewaschen und Händedesinfektion belastet die Haut besonders stark und sollte nur in Ausnahmefällen erfolgen. Mithilfe von duftstofffreien Handcremes kann die Hautbarriere zusätzlich unterstützt werden.
Wenn Kontakt mit Blut, Wunden, Stuhl oder Urin zu erwarten ist, sollten Einmalhandschuhe verwendet und anschließend die Hände desinfiziert werden.
Auch häufig berührte Oberflächen, Pflegehilfsmittel und gemeinsam benutzte Gegenstände sollten regelmäßig gereinigt und bei Bedarf desinfiziert werden. So lässt sich die Verbreitung von Krankheitserregern über Gegenstände und Oberflächen reduzieren.
NeaWiS: Welche Rolle spielen Erholung, Schlaf und die eigene Gesundheit bei der Infektionsprävention?
Frau Städtler/ Herr Blaha: Erholung, ausreichend Schlaf und die eigene Gesundheit spielen eine zentrale Rolle bei der Infektionsprävention. Wer dauerhaft überlastet ist oder zu wenig schläft, kann ein geschwächtes Immunsystem haben und dadurch anfälliger für Infektionen sein.
Pflegende Angehörige sollten deshalb auf regelmäßige Pausen, erholsamen Schlaf, eine nährstoffreiche Ernährung, ausreichende Flüssigkeitszufuhr und genügend Bewegung an der frischen Luft achten. Auch soziale Kontakte außerhalb der Pflege können dazu beitragen, die Gesundheit zu erhalten. Hilfreich kann zudem der Austausch mit anderen pflegenden Angehörigen sein.
Bei hoher Belastung können Entlastungsangebote wie ambulante Pflegedienste oder Verhinderungspflege helfen, die eigene Gesundheit zu erhalten.
Nur wer auf sich selbst achtet, kann langfristig gesund bleiben und eine gute Pflege sicherstellen.
NeaWiS: Welche Warnsignale sollten pflegende Angehörige bei sich selbst ernst nehmen und ärztlich abklären lassen?
Frau Städtler/ Herr Blaha: Pflegende Angehörige sollten Warnsignale ernst nehmen und bei Bedarf ärztlich abklären lassen. Dazu gehören beispielsweise Fieber oder anhaltend erhöhte Temperatur, starker oder anhaltender Husten, Atemnot oder Halsschmerzen. Auch Durchfall oder Erbrechen, insbesondere wenn die Beschwerden länger anhalten, sowie starke oder ungewöhnliche Erschöpfung sollten beachtet werden.
Weitere Warnsignale können entzündete oder schlecht heilende Wunden, anhaltende Schmerzen oder andere ungewohnte Beschwerden sein.
Eine frühzeitige ärztliche Abklärung hilft, mögliche Infektionen rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln. Gleichzeitig kann dadurch das Risiko einer Ansteckung der pflegebedürftigen Person reduziert werden.
NeaWiS: Wie können Angehörige den Spagat schaffen, sich um andere zu kümmern und gleichzeitig die eigene Gesundheit nicht zu vernachlässigen?
Frau Städtler/ Herr Blaha: Pflegende Angehörige können ihre eigene Gesundheit schützen, indem sie bewusst auf eine gute Balance zwischen Pflege und Selbstfürsorge achten. Dazu gehören regelmäßige Pausen, ausreichend Schlaf, eine gesunde Ernährung und Bewegung.
Wichtig ist auch, Unterstützung anzunehmen – beispielsweise durch andere Familienmitglieder, ambulante Pflegedienste, Tagespflege oder Verhinderungspflege. Niemand muss die Pflege allein bewältigen.
Ebenso hilfreich ist es, auf Warnsignale wie Erschöpfung oder Überlastung zu achten und bei Bedarf ärztliche oder beratende Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn nur wer selbst gesund bleibt, kann einen Angehörigen langfristig gut versorgen.
NeaWiS: Welche Bedeutung haben Impfungen beim Schutz pflegender Angehöriger und der betreuten Person?
Frau Städtler/ Herr Blaha: Für pflegende Angehörige und Pflegebedürftige werden die gängigen Standardimpfungen empfohlen. Diese werden regelmäßig durch die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut neu bewertet.
Insbesondere ältere und geschwächte Menschen können von Impfungen gegen bestimmte Atemwegserkrankungen wie Grippe oder Pneumokokken profitieren. Pneumokokken können beispielsweise eine Lungenentzündung verursachen. Auch pflegende Angehörige können sich gegen Grippe impfen lassen, um betreute Personen und sich selbst vor einer möglichen Übertragung zu schützen.
Zusätzlich besteht die Möglichkeit einer Impfung gegen Gürtelrose. Die Erkrankung entsteht durch das Windpockenvirus, das lebenslang im Körper verbleibt und bei einem geschwächten Immunsystem, beispielsweise im höheren Alter oder unter Stress, erneut aktiv werden kann.
Wer sich für eine Impfung interessiert, sollte sich von seiner Hausärztin oder seinem Hausarzt beraten lassen. Dort können vorhandene Risikofaktoren und das persönliche Umfeld berücksichtigt und der Nutzen einer Impfung individuell bewertet werden.
NeaWiS: Welche häufigen Missverständnisse oder Unsicherheiten begegnen Ihnen bei der Aufklärung zum Thema Infektionsschutz?
Frau Städtler/ Herr Blaha: Ein häufiges Missverständnis ist, dass Handschuhe das Händewaschen oder die Händedesinfektion ersetzen. Tatsächlich müssen die Hände auch vor und nach dem Tragen von Handschuhen hygienisch gereinigt beziehungsweise desinfiziert werden.
Auch die Annahme, dass nur sichtbar kranke Menschen ansteckend sein können, ist nicht richtig. Viele Infektionen können bereits vor dem Auftreten von Symptomen oder auch ohne Beschwerden übertragen werden.
Ein weiteres Missverständnis besteht darin, dass Desinfektionsmittel grundsätzlich besser seien als Händewaschen. Beide Maßnahmen haben ihren Platz. Regelmäßiges Händewaschen mit Wasser und Seife ist eine wichtige Maßnahme der Basishygiene. Bei nicht sichtbar verschmutzten Händen kann eine korrekte Händedesinfektion zur Keimreduktion beitragen und die Haut dabei weniger belasten. Desinfektionsmittel ersetzt jedoch nicht das regelmäßige Händewaschen, da Schmutz und bestimmte Erreger durch mechanische Reinigung entfernt werden müssen.
Auch im häuslichen Umfeld sind Hygienemaßnahmen wichtig. Gerade dort können einfache Hygieneregeln entscheidend sein, um besonders gefährdete Pflegebedürftige vor Infektionen zu schützen.
Beim Einsatz persönlicher Schutzausrüstung wie Handschuhen, Mund-Nasen-Schutz oder Schutzkleidung bestehen ebenfalls häufig Unsicherheiten. Eine verständliche Aufklärung und praktische Anleitung können dabei helfen, diese abzubauen und Hygienemaßnahmen sicher im Pflegealltag umzusetzen.
NeaWiS: Welche Unterstützungs- und Beratungsangebote gibt es für pflegende Angehörige?
Frau Städtler/ Herr Blaha: Pflegende Angehörige können sich bei verschiedenen Stellen zu unterschiedlichen Themen informieren und beraten lassen.
Über das Portal NeaWiS des Landkreises Neustadt a.d.Aisch-Bad Windsheim können Bürgerinnen und Bürger Informationen sowie Anbieter verschiedener Dienstleistungen finden.
Wichtige Ansprechpartner im Landkreis sind unter anderem Caritas und Diakonie. Auch lokale ehrenamtliche Angebote, beispielsweise die Pflegelotsen im Raum Sugenheim, können Unterstützung bieten.
Darüber hinaus gibt es Fachstellen für pflegende Angehörige, Pflegeberatungsstellen und Beratungsangebote der Krankenkassen. Sie informieren beispielsweise über Pflegegrade, ambulante und stationäre Pflege, Finanzierungsmöglichkeiten oder Pflegekurse.
Ambulante Pflegedienste können bei der Grund- und Behandlungspflege unterstützen. Verhinderungs- und Kurzzeitpflege bieten Entlastungsmöglichkeiten, wenn pflegende Angehörige beispielsweise Urlaub machen oder selbst erkrankt sind. Auch Tages- und Nachtpflege können im Alltag entlasten.
Weitere Unterstützung bieten Selbsthilfegruppen, psychosoziale Beratungsangebote sowie Beratungsstellen zu Fragen der gesetzlichen Betreuung.
NeaWiS: Wenn Sie pflegenden Angehörigen eine zentrale Botschaft mitgeben könnten: Was würden Sie ihnen zum Thema Prävention und Selbstfürsorge sagen?
Frau Städtler/ Herr Blaha: Achten Sie auf sich selbst – denn Ihre Gesundheit ist die Grundlage für eine gute Pflege. Wer sich regelmäßig erholt, auf ausreichend guten Schlaf, gesunde Ernährung und Hygiene achtet und bei Bedarf Unterstützung annimmt, schützt nicht nur sich selbst, sondern auch den pflegebedürftigen Menschen.
Niemand muss die Pflege allein bewältigen. Es ist kein Zeichen von Schwäche, Hilfe anzunehmen, sondern ein wichtiger Schritt, um langfristig gesund und belastbar zu bleiben.
Selbstfürsorge ist ein wesentlicher Bestandteil guter Pflege und ein wichtiger Beitrag zur Infektionsprävention.
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